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I’ve been looking for freedom – Ein Kommentar zur EU-Urheberrechtsreform

Karaoke Erlebnis in Japan

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes echtes Karaoke-Erlebnis in Japan. Irgendeiner meiner Freunde muss damals bei einem gemeinsamen Abend in einer Karaoke-Bar rumerzählt haben, dass ich – trotz japanischen Aussehens – ein Gaijin aus Deutschland bin. Und es kam, wie es kommen musste: Nur wenige Minuten später stand ich auf der kleinen Bühne und sollte ein „typisch deutsches Lied“ singen. Meine Sorge, das könnte jetzt ein peinlicher Moment werden, stellte sich als durchaus nicht unbegründet heraus – denn wenige Sekunden später schallten die ersten Takte von David Hasselhoff’s Wiedervereinigungs-Hymne „I’ve been looking for freedom“ aus den Boxen. Aber hey, immerhin nichts von den Flippers oder von Peter Maffay! Ich gab mein Bestes und schmetterte die Zeilen ins Mikro, die mir von einem alten Hitachi-Röhrenfernseher angezeigt wurden. Good old times.

Und heute?

Natürlich gibt es noch Karaoke-Kneipen in Japan, die teilweise noch genau so aussehen wie früher. Aber mittlerweile kann man mit Karaoke oder Playback im Netz durchaus gut Geld verdienen, wie es diverse Influencer auf YouTube oder auf TikTok oder früher musical.ly vormachen. Mit der EU-Urheberrechtsreform könnte es aber bald vorbei sein – denn mit Artikel 13 hat man die Grundlage dafür geschaffen, dass am Ende Bots und Algorithmen die erste Instanz dafür sind zu entscheiden, ob Content urheberrechtlich geschützt ist – oder eben nicht. Denn ohne jetzt den irreführenden Begriff „Upload-Filter“ zu verwenden: Die EU verlangt nunmehr, dass Material bereits vor oder beim Upload auf urheberrechtliche Unbedenklichkeit geprüft wird, um so zu verhindern, dass dieses Material online verfügbar wird. Händisch wird dies nie möglich sein – also müssen z.B. Streaming-Anbieter automatisierte Tools und Mechanismen (weiter-)entwickeln, um dies zu gewährleisten.

Artikel 13 = Content ID für alles?

Artikel 13 offenbart ein wirklich krudes Verständnis davon, wie ein proaktiver Schutzmechanismus in Sachen Urheberrecht im Internet funktionieren kann. Denn genau so wenig, wie man in der Autoindustrie auf die Idee käme, alle Autos auf Tempo 30 oder Schrittgeschwindigkeit zu begrenzen, damit kein Auto jemals eine Geschwindigkeitsbegrenzung überschreiten kann, macht es Sinn, Material bereits bei Upload auf urheberrechtliche Konformität zu checken.

In Bezug auf die konkrete Umsetzung hätte man seitens der EU vielleicht einfach mal bei einem Branchenriesen wie YouTube nachfragen sollen. Denn mit dem Content ID-System hat YouTube bereits einschlägige Erfahrungen in Sachen Filter-Funktion gewonnen. Mal abgesehen davon, dass allein das Content ID-System YouTube rund 100 Millionen Dollar im Jahr kostet, war die EU noch auf einem anderen Auge blind: Kein System ist fehlerfrei – erst recht nicht, wenn es missbraucht wird. Wir reden hier erstmal noch gar nicht von „copyfraud“ – sprich: Urheberrechtliche Schutzrechte zu Unrecht geltend zu machen – sondern von technischen Fehlern, die Content beim Upload als urheberrechtlich geschützt einsortieren.

Viele Influencer beklagen sich schon jetzt darüber, dass YouTube Clips mit Hinweis auf das Urheberrecht sperrt und die Gründe nicht erkennbar und zurückverfolgbar sind. Und jetzt sollen Bots und Algorithmen so etwas ähnliches machen, wie das Content ID-System, nur eben für alles. Vom Kommentar über den Blogbeitrag, Instagram-Fotos, Profilen in Social Networks bis hin zu kurzen Karaoke-Sequenzen auf TikTok. Das soll funktionieren? Und was ist, wenn die automatisierten Systeme bewusst manipulativ eingesetzt werden – z.B., indem bestimmte Statements, O-Töne und Zitate gar nicht erst hochgeladen werden können?

The end of the internet as we know it?

Mit der Urheberrechtsreform hat die EU nicht nur die Verantwortung für das Prüfen von Content vor der Veröffentlichung ein Stückchen mehr auf die Unternehmen abgewälzt – sondern auch Tür und Tor für die missbräuchliche, manipulative (Aus-)Steuerung von Content geöffnet und gefährdet damit nicht nur die kreative Freiheit im World Wide Web. Vielmehr könnte im Falle eines Overblockings sogar die Meinungsfreiheit eingeschränkt werden – nämlich dann, wenn automatisierte Systeme darüber entscheiden, welches Zitat und welcher O-Ton weiterverbreitet werden dürfen – und welche nicht. Übrigens: In der Karaoke-Bar in Shinjuku, in der ich damals David Hasselhoff zum besten geben durfte ist es Tradition, nach einem stärkeren Erdbeben gemeinsam “This is the end of the world as we know it” zu singen – tja und wer weiß, vielleicht ist Artikel 13 der Ende des Internets, wie wir es kennen..?

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