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Wenn brennender Regenwald zum Brandbeschleuniger für Fakenews wird

Dass im Amazonas heftige Waldbrände toben, dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Kaum eine Nachrichtenseite, die nicht über die verheerende Feuersbrunst schreibt. Und kaum ein Facebook-Profil, auf dem es keinen Post zu diesem Thema gibt. Das Feuer im Amazonas-Gebiet scheint aber auch eine Fakepost-Welle auf Facebook zu begünstigen.

Keiner berichtet?

In der ersten Fake-Welle ging es vor allem darum, dass der brennende Regenwald vermeintlich nicht in Print- und Onlinemedien erwähnt wurde. Zum damaligen Zeitpunkt wurde tatsächlich kaum – und wenn dann eben nicht als Aufmacher – berichtet. Aber vor allem deswegen, weil Brände in der damaligen Größenordnung regelmäßig vorkommen.

Wenn man sich heute die einschlägigen Newsportale anschaut, wird so gut wie überall groß über die Waldbrände berichtet – und trotzdem werden die Posts weiter geteilt.

Wo brennt es?

Zur Illustration der Brände werden in Social Media gerne dramatische Bilder eingesetzt. Ein brennender Urwald von oben mit entsprechender Rauchwolke reicht offenbar nicht mehr. Also bedient man sich in diesem Fall eines Fotos, das einen Mann am Strand zeigt, auf den eine Feuerwalze zuzulaufen scheint. Dumm nur, dass es sich bei dem Foto um ein Motiv aus dem Jahr 2012 handelt, als Waldbrände die griechische Insel Chios verwüsteten.

Und auch ansonsten ist man da sehr flexibel: Mal wird ein Foto einer Brandrodung auf Borneo verwendet, mal auch ein brennender Kiefernwald aus Russland.

Keiner tut was? 

Und last but not least: Angeblich tut ja keiner was. Gerne wird da der Vergleich Regenwald zu Notre-Dame herangezogen. Dass es Hilfsangebote aus der ganzen Welt gibt, sich aber die brasilianische Regierung derzeit jeglicher Hilfe verweigert, lässt man nur zu gerne unter den Tisch fallen.

Tja und in wieweit und wo genau nun Spendengelder helfen sollen, weiß auch keiner. Denn eine Wiederaufforstung macht in Regenwäldern nur bedingt Sinn. Und wo genau ein Feuer in einem Weltkulturerbe vergleichbar mit den Amazonas-Bränden ist, sei einmal dahingestellt.

Filterblase Social Media

Das Amazonas-Beispiel zeigt perfekt, wie schnell Fakenews sich verbreiten. Da wird schnell auf einen Share geklickt, ohne Quelle, Bildmotiv, Inhalt oder Urheber zu prüfen. Spricht man diejenigen an, die zum Beispiel das Foto vom Chios-Waldbrand geteilt haben, sind alle ganz überrascht, dass es sich nicht um ein aktuelles Motiv handelt. Postet man einen Screenshot von bild.de unter den Post derjenigen, die behaupten, dass keiner berichtet, ist das erstaunen ähnlich groß. Und versucht man zu argumentieren, dass der Vergleich Notre-Dame zu Amazonas ein wenig hinkt, kommt das übliche „ja, aber…“

Das mag nun erstmal harmlos erscheinen, denn es ist ja „nur“ der Amazonas. Wenn aber Prominente und einflussreiche Politiker ohne Faktencheck Bilder posten – in diesem Falle Frankreich’s Präsident Macron, der ohne entsprechenden Hinweis ein Bild aus dem Jahr 2003 nutzt – ist dann schon bedenklicher.

Dass sich nun aber Medien dazu hinreißen lassen, die Waldbrände extremer darzustellen, als sie sind, passt dann ins Bild. Denn der Amazonas brennt eigentlich jedes Jahr und die aktuellen Brände sind mit Sicherheit tragisch, aber eben doch „nur“ die schlimmsten seit 7 Jahren. Also bei weitem nicht die Schlimmsten aller Zeiten. Und anders als oft suggeriert, ist der Amazonas-Regenwald nicht die Lunge der Welt, sondern „eine der vielen Lungen“. Selbst komplett ohne diesen Regenwald gäbe es keinen Sauerstoffmangel auf der Welt. Aber „unsere Lunge brennt“ klingt dann gleich viel dramatischer.

Salonfähige Fake-News

Am Ende zeigt der Fall Amazonas, wie salonfähig und normal Fakenews mittlerweile geworden sind. Es wird einfach stumpf geshared, ohne irgendwas zu prüfen. Hauptsache, man genügt dem Zeitgeist, wonach Regenwaldschutz Pflicht ökologisch denkender Menschen ist. Nicht falsch verstehen, es geht mir hier nicht darum, Abholzung oder Rodung zu unterbinden, sondern ausschließlich um den völlig substanzlosen, verdramatisierenden Aufschrei, der grad durch Social Media-Umfelder kriecht. Und last but not least sei frei nach dem Henne-Ei-Prinzip auch die Frage gestattet, wer denn nun am Ende die mediale Agenda getriggert hat. Berichten Bild und Co. deswegen so intensiv über die Waldbrände, weil die Gier nach neuen Bildern und Informationen und damit auch die Relevanz des Themas durch die Fakenews-Welle auf Social Media einen deutlichen Schub bekommen hat? Oder wie ist es sonst zu erklären, dass die noch viel verheerenderen Brände in der Amazonas-Region der frühen 2000er Jahre so gut wie keine Headline-News wert waren?


Das Artikelbild wurde 2011 von der ISS aufgenommen und zeigt einen Waldbrand nahe des Rio Zingu in Brasilien. Lizenz: Gemeinfrei/Public domain

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