von Sophie Schott
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Privatsphäre, Überwachung und Transparenz in sozialen Medien

Let Big Brother watch us!

Internet und soziale Medien sind unsere täglichen Begleiter geworden. Und am liebsten werden sie mittlerweile über ein mobiles Endgerät genutzt. Unmengen von Daten und Informationen werden dadurch leicht und jederzeit zugänglich – egal, wo man gerade ist. Zwar wissen die meisten inzwischen, wie sie die Settings für ihre Privatsphäre einstellen können, allerdings leidet darunter die Reichweite.  Für Influencer und solche, die es noch werden wollen, wirkt dies wie ein großes Problem. Dem gegenüber stehen vor allem ältere Generationen, die die Einstellungen entweder schlichtweg nicht verstehen oder sich gar nicht erst mit ihnen vertraut machen. So werden gerade die älteren Semester zur optimalen Angriffsfläche für Hacker. Und nicht nur das: Wir alle werden zunehmend zu einer gläsernen Online-Community. Veröffentlichte Posts, Links und Fotos können weltweit geteilt und geliked werden. „Sharing is Caring“!

Das Internet vergisst nicht

Viele ignorieren dabei, dass die Nutzung von sozialen Netzwerken in den meisten Fällen kostenlos ist – aber auch, dass sich die Betreiber dies dann indirekt mit persönlichen Daten bezahlen lassen. Das naive Teilen von Daten ohne zu hinterfragen, wo diese gespeichert oder gesammelt werden, passt dabei gar nicht zu den hohen Datenschutz-Ansprüchen, von denen landläufig die Rede ist. Dabei beschreibt der Austausch von Informationen und Gedanken durch Nachrichten, Beiträge oder Fotos lediglich den initialen Startpunkt der Zirkulation persönlicher Daten in der Onlinewelt. Das löste die Debatte über Privatsphäre und Transparenz im Internet aus – und die informationelle Selbstbestimmung und Wahrung personenbezogener Daten wirken zunehmend nicht mehr gewährleistet. Und wie wir alle wissen: Das Internet vergisst nicht – frei nach dem Motto: einmal online, immer online!

Natürlich ist Transparenz wichtig. Die Debatte um die Markierung von Marken und Kennzeichnung von Werbung auf Social Media Kanälen ist uns allen bekannt. Fake-Accounts, die das Image von Unternehmen aufpolieren gibt es zu Genüge. Dennoch gilt es, die individuelle Transparenz davor zu bewahren, quasi frei verfügbar vor der Gesellschaft zu sein. Dank Social Media wächst diese Tendenz aber immer mehr. Gleichzeitig nimmt auch der Verlust der Privatsphäre zu. Während 1949 die „Televisoren“ noch fiktiv waren, sind wir heute technologisch viel weiter fortgeschritten. George Orwell konnte in seinem Roman 1984 nicht ahnen, welch große Rolle Computertechnologie heutzutage hinsichtlich Überwachung und Privatsphäre spielen würde. Mit fast unbegrenzten Speichermöglichkeiten und effizienten Suchfunktionen übt das Internet Überwachung auf der digitalen Ebene aus. So haben wir heutzutage statt eines Big Brothers eine Vielzahl von kleinen und großen Brüdern, die unsere Daten sammeln. Orwell’s totalitärer Fiktivcharakter ist gemessen an der heutigen Realität sogar vergleichsweise klein, wenn man die digitale Technik und die umfangreichen Überwachungs-, Speicher- und Analysemöglichkeiten bedenkt. Kurzum: Durch neue Technologien leben wir mehr Überwachung und weniger Privatsphäre.

Die neue Art der Überwachung – und wir wussten nichts davon

Spätestens mit den Enthüllungen durch Edward Snowden im Jahr 2013 ist auch der Zusammenhang zwischen Big Data und 1984 offensichtlich. So legte der frühere NSA-Mitarbeiter offen, dass die National Security Agency weltweit Handy-Daten speichert und SMS mitliest. So trägt jeder Smartphone-Nutzer zur Überwachung seiner Selbst bei – man denke nur an die Mikrophone in mobilen Endgeräten. So ist „Dataveillance“ die neue Art der Überwachung und beschreibt das Sammeln von Daten und Fakten, wodurch eine völlig neue, unheimliche Transparenz entsteht. Dadurch werden Details des täglichen Lebens immer sichtbarer für überwachende Organisationen – egal ob diese nun staatlicher oder krimineller Natur sind. Ganz im Sinne von „Privacy is Theft“.

George Orwell lebt heute in China

Besonders im Web 2.0 und im Zuge der neuen Interaktion und Kommunikation in der Online-Welt erstellen Netzwerkuser persönliche Profile, die demographische Informationen, Interessen und hochgeladene Fotos aufschlüsseln. So entstehen sogenannte „Digital Dossiers“, die das Datenprofil eines Individuums umfassen und selbst User mit Künstler- oder Fake-/Nicknamen tatsächlichen Personen zuordnen können. Im Idealfall befähigt uns die Technologie, gibt uns mehr Kontrolle über unser Leben und gewährt mehr Sicherheit. Aber die digitale Technologie der Datenerfassung und -nutzung hat den gegenteiligen Effekt. Zunehmend nutzen Unternehmen und Regierung Technologien, um auf der Grundlage unserer digitalen Dossiers wichtige Entscheidungen über uns zu treffen. Schaut man nach China, findet man dort beispielsweise das digitale Punktesystem, mit dem Menschen anhand von sozialen Bewertungen (einfach gesagt) in ‚gut‘ und ‚schlecht‘ klassifiziert werden. Diese digitale Kontrolle und Überwachung mithilfe von Big Data greift immens in die Privatsphäre der Chinesen ein und präsentiert die Schattenseiten der Digitalisierung. Es scheint als würde Staatschef Xi Jinping Orwell’s 1984 in einer moderneren Form wahr werden lassen. Und zumeist ist das Individuum nicht daran beteiligt, welche Entscheidungen anhand unwissentlich oder freiwillig übermittelter Daten über einen selbst gefällt werden – egal ob in China oder anderswo. Folglich sinkt nicht nur unsere Privatsphäre, sondern auch unsere Unabhängigkeit. Greifen soziale Medien mit ihren Analysemechanismen nicht alleine dadurch in unsere Privatsphäre ein, wenn uns bestimmte Werbung vorgeschlagen und andere wiederum vorenthalten wird? Werden wir also über unsere eigenen Social Media Accounts manipuliert?

Digital Natives in der schönen neuen Welt

Das Verständnis von Privatsphäre hat sich schlichtweg geändert. Neue Technologien gelten oft als Ursache für neue Überwachungspraktiken. Damit entfällt die Privatsphäre im ursprünglichen Sinne und die Sicherheit durch die Datenschutzverordnung wird reduziert. Wir können heutzutage kaum noch von der Kontrolle über die eigenen Daten reden. Und trotzdem nutzen vor allem jüngere Generationen tagtäglich soziale Medien. Denn alles, was nicht online (mit)geteilt wird, hat sowieso nicht stattgefunden, denn „Secrets are Lies“. So haben die Ende des 20. Jahrhunderts entwickelten sozialen Netzwerke nicht nur den kulturellen, interessensbasierten oder persönlichen Austausch angeregt, sondern gleichzeitig dem Sammelwerk persönlicher Daten beigetragen. Was in Orwells Vision einer düsteren Zukunft ein totalitäres Regime der Bevölkerung zwangsweise auferlegt, machen die „Digital Natives“ freiwillig: Sie stellen völlig hemmungslos jegliche Daten ins Netz und sind so stark mit ihrem Handy verwachsen, dass Bewegungsprofil, Voice-Mitschnitt und Co. eine lückenlose Überwachung ermöglichen. Willkommen in der Brave New World!

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