Il dolce far niente – Von der Kunst des Nichtstuns

Morgens halb neun in Hamburg. Während ich gedankenverloren und trotz erstem Kaffee noch immer müde aus dem Fenster der U-Bahn schaue, sind 95 % der anderen Fahrgäste mit dem Smartphone beschäftigt: Podcasts, soziale Medien, Musik, Nachrichten. Ein paar sind „old school“ mit ihrem Buch unterwegs oder schauen auf den Screen des Fahrgastfernsehens. „Zu anstrengend“, denke ich mir, obwohl es mir vor einem Monat nicht anders ging: Der Zwang nach ständiger Beschäftigung.

Halten wir es mit unseren Gedanken nicht mehr alleine aus?

Das Phänomen tritt immer häufiger auf: Wir können nicht mehr mit unseren Gedanken alleine sein. Die Kaffeepause zum Entspannen oder beim Warten auf die Bahn – statt den Gedanken freien Lauf zu lassen und bewusst einmal tief ein- und auszuatmen, checken wir Mails, schreiben Freunden oder posten Content. Was für uns als Moment der Ruhe wahrgenommen wird, ist für unser Gehirn weiterhin Arbeit. Aber statt sich abends mal bewusst Zeit für sich zu nehmen und die Ruhe zu genießen, widmen wir uns Netflix, Prime, Sky, den zig noch nicht beantworteten Nachrichten oder verpassten News auf Spiegel Online & Co. Die Erklärung ist einfach: Das Gehirn ist rastlos. Wir brauchen ständig Input und können nicht mehr richtig abschalten. Medien sind für uns nicht nur die daily Informationsflut, die wir bewältigen müssen, sondern auch die beste Ablenkung von uns selbst.

„Wenn diese völlige Reizüberflutung, an die ihr natürlich einigermaßen gewohnt seid, dann plötzlich aufhört, dann funktioniert die versuchte Verdrängung nicht mehr. Dann kommt das, was einen doch beschäftigt. Konflikte und Probleme, die gelöst werden müssen. Das ist natürlich unangenehm“, erklärt Dr. Dr. Harald Hagn, Psychotherapeut und -analytiker.

Zum Einschlafen der Podcast.

01.00 Uhr, irgendwo in Offenbach. Ich bin bei einer Freundin zu Besuch und nach einem langen Tag mit Shopping, Spaziergang, Kochen und Kino legen wir uns schlafen. Wir versuchen es. Sie warnt mich vor, dass sie zum Einschlafen immer einen Podcast braucht. Stört mich nicht. Sie hört ihn ja über Kopfhörer. Aber statt einfach einzuschlafen, läuft mein Gehirn jetzt in Topform auf: Habe ich den Wecker gestellt? Hoffentlich komme ich morgen pünktlich an. Ich muss unbedingt Wäsche waschen! Eigentlich müsste ich es schaffen, mich abends zu verabreden. Was steht Montag an To-dos an? „Klappe!“, denke ich mir, „vielleicht doch ein Podcast, Musik oder eine Folge Narcos, um einschlafen zu können?“

„Viele [Millennials] denken viel zu viel über alles nach“, sagt Coach und Beraterin Sally Brown. Mit Podcasts unterbrechen wir die Gedankenspiralen und konzentrieren uns auf eine Sache, statt immer wieder gedanklich in alle Richtungen abzudriften und ins Grübeln zu verfallen. Es ist also kaum verwunderlich, dass wir uns zu einem Medium hingezogen fühlen, dass eine konstante Ablenkung verspricht und jederzeit verfügbar ist, erklärt sie.

 Zum Aufwachen das Radio.

 „Verrückt“, denke ich, bevor ich einschlafe, „dass wir Ablenkung zum Einschlafen brauchen.“ Um 10 Uhr klingelt der Wecker. Noch im Halbschlaf fangen wir an, uns zu unterhalten. In der Küche schalte ich aus Gewohnheit das Radio an. Ohne das Geplapper des Moderators oder die Musik im Hintergrund wäre es so leise, während wir sprechen, sind wir uns beide einig. Einfache Beschallung reicht nicht. Später im Zug fordere ich mich selbst heraus und schaue nur den Film. Kein Handy nebenbei. Zuhause würde ich parallel aufräumen, kochen oder die Wäsche auf-/ abhängen. Das geht zum Glück nicht in der Bahn. Nach der ersten Viertelstunde Unbehaglichkeit, da ich mich so untätig fühle, kann ich mich langsam entspannen und genieße es, nur den Film zu sehen.

Die Lösung: Il dolce far niente

Dass wir Angst vor dem Nichts-tun haben, da wir damit nicht klarkommen und uns dann „lost“ fühlen, ist kein Generationen-Ding. Meine Mutter backt und kocht am Wochenende. Wenn meine Großeltern keinen Besuch hatten, verreisten sie oder besuchten Freunde. Dabei ist die Lösung ganz einfach: Sich bewusst mit dem Nichts-tun beschäftigen. Sich der Angst stellen und das unbehagliche Gefühl durchstehen. Hat man‘s einmal geschafft, ist es wirklich entspannt. Ob mit regelmäßigem Yoga, dem Besuch eines Klosters inklusive einstündigem stummen Beten/Meditieren oder einem Spaziergang im Wald ohne Smartphone. Nicht nur, dass man am Ende auf sich stolz ist, der Kopf fühlt sich endlich wieder klar und frei an.

Quellen:

https://www.refinery29.com/de-de/podcast-sucht-angst-allein-mit-gedanken-zu-sein

https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/weniger-multitasking-auszeiten-vom-smartphone-gedaechtnis-trainieren-a-1267232.html

https://www.zeitjung.de/einsamkeit-ablenkung-generation-y-jamiexx-konzentration/

https://www.vice.com/de/article/dpeqxj/weshalb-faellt-es-uns-so-schwer-mit-unseren-gedanken-alleine-zu-sein-666

https://www.afschin.com/nichtstun/

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