12. November 2013 Stefan Watzinger

Das Versagen von Politik und öffentlichen Institutionen im Fall EHEC

Oder: Wenn mangelhafte Krisenkommunikation die Aufklärung einer Epidemie verhindert

Fragt man heute einen Verbraucher, ob er sich noch an EHEC erinnert, bekommt man eine ganze Reihe widersprüchlicher Antworten. War es der Salat, oder doch Gurken aus Spanien – oder irgendwelche Soja-Sprossen? Die Verwirrung rund um die durch den EHEC-Keim ausgelöste HUS-Epidemie von 2011 ist groß. Insgesamt gab es im Verlauf der Epidemie über 4.000 von EHEC ausgelöste Krankheitsfälle. Was viele vielleicht nur am Rande mitbekommen haben: Bis heute ist die tatsächliche Ursache der Krankheitswelle, in deren Folge über 800 Menschen am hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) erkrankten – und über 50 in Folge der Erkrankung starben – unbekannt.

In einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaus-Hygiene heißt es:

“Warum es in Deutschland zu einem der größten EHEC-Ausbrüche und dem HUS-Ausbruch kommen konnte, ist bislang letztlich als ungeklärt zu betrachten.”

Also doch weder Gurken noch Sprossen? Blickt man auf die Krisenkommunikation im Jahre 2011 zurück, fallen ein paar gravierende Fehler auf. Insgesamt wirkt das Verhalten von Politik, Wissenschaft, Bund und Ländern wenig orchestriert und strategisch geplant. Unterschiedliche Warnungen, Expertenmeinungen und die immer wechselnden Ursachen führten dereinst zu einer massiven Verunsicherung der Verbraucher.

ehec

Im Zuge der ersten schweren Erkrankungen warnten das Robert Koch Institut (RKI) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Mai 2011 vor dem Verzehr von rohen Gurken, Tomaten und Blattsalat. Das Bundesverbraucherministerium und weitere politische Gremien reagierten auf diese Warnung mit Zustimmung – auch wenn es zu diesem Zeitpunkt keinen eindeutigen Erregernachweis in den angeblich betroffenen Lebensmitteln gab.

“Ich glaube, man kann der Bevölkerung jetzt eindeutig sagen: Salatgurken sind eine Quelle. Also Vorsicht vor Salatgurken.”, Cornelia Prüfer-Storcks (Hamburger Gesundheitssenatorin )

Die Aufhebung der ersten Warnung des BfR nur wenige Wochen später ging in der allgemeinen medialen Berichterstattung nahezu vollständig unter. Denn: Ein neuer Verursacher schien gefunden. Spanische Gurken seien mit EHEC belastet – und einige Bundesländer entschieden sich eigenmächtig, Unbedenklichkeitsnachweise von Lebensmittelhändlern für spanische Gurken zu verlangen. Dieses De-facto-Importverbot wurde breit in den Medien kommuniziert – bis nachgewiesen wurde, dass zwar Coli-Bakterien auf den Gurken vorhanden waren, jedoch nicht vom gefährlichen enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC). Das Bundesverbraucherministerium verhielt sich unterdes erneut konfus und bezog keine Stellung. Sieben Tage nach der Warnung hob das Land NRW die Testatpflicht für spanische Gurken auf.

Erneut eine Woche später gab das BfR eine Warnung vor dem Verzehr von Sprossen-Erzeugnissen heraus – erneut ohne Nachweis des Erregers! Demnach sei die Indizienkette so “belastend”, dass man davon ausgehen müsse, Sprossen seien der Auslöser der Epidemie.  Am 30. Juni 2011 macht das BfR dann Samen des Bockshornklees aus Ägypten für den EHEC-Ausbruch verantwortlich. Dies wird bis heute seitens Behörden und Ministerien als der Verursacher für die EHEC-Infektionen kommuniziert – und das obwohl mittlerweile klar ist, dass nur etwa zehn Prozent der rund 4.000 Erkrankungen tatsächlich direkt auf den Uelzener Betrieb zurückzuführen sind. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung rudert mittlerweile zurück – ein “eventuell weiterbestehendes Risiko” sei nicht auszuschließen. 

Was im Rückblick bleibt, ist eine völlig unkoordinierte Krisenkommunikation von Behörden und Politik auf Bundes- und Länder-Ebene. Oder: Viele Experten, viele Meinungen – und viel Halbwissen. Der durch medialen und öffentlichen Druck erzwungene Versuch, die Ursache so schnell wie möglich zu finden und die Verbraucher darüber zu informieren ging völlig nach hinten los – Schnellschüsse und gravierende Fehler waren die Folge. Auch das Fehlen kommunikativer Strukturen und vorher abgestimmter Kommunikations-Hierarchien wurde komplett entlarvt – wie auch die Hilflosigkeit derjenigen, die eigentlich die Öffentlichkeit beruhigen und mit gesicherten Fakten versorgen sollten. Wer hat den Hut auf? Wer ist verantwortlich für die Information? Das Verbraucherschutzministerium? Das BfR? Das RKI – oder doch die Länder? Hier fehlt es an einer übergeordneten Stelle, die Verantwortung für die Belange der Verbraucher übernimmt – eigentlich integraler Bestandteil der Aufgaben des Verbraucherministeriums. Dass die Negativ-Berichterstattung – ausgelöst durch vorschnelle Gesundheits-Warnungen – auch zu massiven Umsatzeinbußen und Wirtschaftsschäden bei den betroffenen Lebensmittel-Produzenten im In- und Ausland geführt hat, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Wie wenig sich hinsichtlich der Aufarbeitung der EHEC-Krise getan hat, muss auch einer der Verantwortlichen einräumen:

“Umso mehr so ein Geschehen in Vergessenheit gerät, ist es häufig so, dass sich alle auf die Schultern klopfen und sagen: ‘Das hat doch irgendwie ganz gut geklappt’.” LAVES*-Präsident Eberhard Haunhorst zu NDR.

Was bleibt ist am Ende der fade Beigeschmack, dass die EHEC-Epidemie nie richtig aufgeklärt wurde. Und dass die zuständigen Behörden und Ämter bislang offenbar nur wenig getan haben, um bei einer erneuten Epidemie – egal was der Auslöser sein mag – vermutlich ähnlich konfus und chaotisch agieren würden.

*LAVES = Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

Bild: “blaNDM-1 Escherichia coli growing on Chrom ID CARBA agar detail” von Nathan Reading via Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

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Stefan Watzinger
Stefan Watzinger Stefan Watzinger studierte Biologie an der Universität Heidelberg und wagte nach seinem Diplom den Quereinstieg in die Bereiche Kommunikation und Marketing. Seit 2009 ist er als PR-Berater bei der impact Agentur für Kommunikation GmbH tätig. Als Senior-Berater leitet er dort die Bereiche Neugeschäft, Konzeption und Social Media.

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