5. Mai 2017 Katharina Stoll

„How It Is (wap bap …)“ lässt Bibis Beauty Palace wanken

Wie weit geht die kreative Freiheit von Influencern?

Heute um 14 Uhr stand eine Weltpremiere der besonderen Art an: der deutsche YouTube-Megastar Bianca Heinicke aka Bibisbeautypalace veröffentlichte seine erste eigene Single. An Vorbereitung ließ sie es nicht mangeln und postete Teaser-Videos und einen Instagram-Countdown, forderte ihre Fangemeinde zum Vorbestellen auf und platzte augenscheinlich nur so vor Stolz und Vorfreude.

Pünktlich zum Release fand sich bei impact eine kleine, abenteuerlustige Testgruppe zusammen, um das Musikvideo zu schauen und unseren YouTube-Horizont zu erweitern. Beim ersten Durchlauf machte sich Fassungslosigkeit breit. Trotz massiv bearbeiteter Vocals ist das stimmliche Niveau weit von einem professionellen Sound entfernt, das Video ist ein sonderbarer Zusammenschnitt pastelliger Merkwürdigkeit und der in solidem Basis-Englisch verfasste Text ist inhaltlich nur lose verknüpft. Von der angekündigten tiefgründigen Story dahinter ist keine Spur zu finden.

Der Schrecken ließ auch beim zweiten und dritten Mal nicht nach, stattdessen blieben wir geschockt zurück und fragten uns, ob es bei diesem Song-Release um Bekanntheit um jeden Preis geht (quasi Musik gewordenes Clickbait) oder ob man die gute Bibi schlecht bis gar nicht beraten hat.

Fan-Feedback meets Shitstorm

Was uns dann aber wirklich von den Socken gehauen hat, war das, was sich unterhalb des Videos auf YouTube abspielte. Und auf Instagram. Und auf Amazon. Und im restlichen Netz. Denn Bibi und ihr Song wurden Opfer eines Instant-Shitstorms von Fans und Trollen gleichermaßen.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels steht das Musikvideo auf YouTube bei 130.000 Likes und einer unglaublichen Menge von Dislikes – knapp eine halbe Million. In Kommentaren und Rezensionen übertrumpfen sich die User mit Bibi-Witzen, während sich Bibi in einem Kommentar brav für die Unterstützung ihrer Fans bedankt: „THANK YOU so much for your support! Unbelievable!“ und auf ihren Social-Media-Kanälen grinsend eine Torte mit aufgedrucktem Single-Cover in die Kamera hält.

Das Influencer-Eigenprodukt: Kreative Entfaltung oder Geldmacherei?

Schon lange tobt auf YouTube die Kontroverse rund um Eigenprodukte von YouTubern. Ist die eigene Make-Up-Kollektion tatsächlich die Verwirklichung eines lebenslang gehegten Traumes oder nur der Griff in die Taschen der jungen, gutgläubigen Abonnentenschaft? Als die britische Groß-YouTuberin Zoe Sugg (aka Zoella, 11,5 Mio Abonnenten auf YouTube) 2015 ihren ersten eigenen Roman veröffentlichte, gab es positives Feedback ihrer begeisterten Fans, aber auch viel Kritik, weil sie durch eine Ghostwriterin unterstützt wurde. Im Vorfeld der Veröffentlichung war das nicht eindeutig so kommuniziert worden, wodurch sie an Authentizität einbüßte.

In beiden Fällen wird klar: Wer sich bereits ein Millionenpublikum erarbeitet hat, hat große Chancen, dort auch eigene Produkte erfolgreich zu platzieren – seien es nun Bücher, Songs oder Beautyprodukte. Wenn sie gut bei der Zielgruppe ankommen, ist das meiner Meinung nach nur legitim, denn die allermeisten erfolgreichen Influencer haben sich ihre Reichweite über Jahre hinweg aufgebaut. Unabhängig davon, ob man sich vom jeweiligen Content angesprochen fühlt oder nicht, ist ein jahrelang regelmäßig mit Videos bestückter Kanal harte Arbeit.

Authentizität vs. Beratung

Nun folgt das unvermeidliche Aber! Der Fall Bibi zeigt, dass ein bereits existierendes Publikum kein Freifahrtschein zum beliebigen Karrieresprung ist. Denn in ihrem Fall ist es erstmals so, dass es nicht mehr um befremdete Eltern und Zuschauer jenseits des produktrelevanten Alters geht, die Unverständnis gegenüber dem Produkt zeigen (vgl. Bibis Duschschäume), sondern dass sie mit Song und Video auch die Mehrheit ihrer treuen Fans abgeschreckt hat.

Welche Erkenntnis bringt uns nun der Wap-Bap-Skandal? YouTuber leben von ihrer – zumindest gefühlten – Authentizität und von der glaubhaften Darstellung ihrer Persönlichkeit auf all ihren Kanälen. Dass das funktioniert, zeigen alle großen YouTube-Channel. In Sachen eigener Produkte ist sich die YouTube-Industrie allerdings selbst davongewachsen. Wer die Möglichkeit hat, ein eigenes Produkt zu kreieren, muss in den meisten Fällen sein eigenes Fachgebiet verlassen (ausgenommen hiervon sind YouTuber, die ohnehin eigene Musik oder Cover uploaden). Dann ist professionelle Unterstützung gefragt, die den YouTuber in die richtige Richtung lenkt, ohne ihn dabei zu sehr zu verbiegen. Und hier scheint es bisher eine Beratungs-Lücke zu geben! Denn selbst wenn die YouTube-Stars aus Verlags- oder Label-Sicht richtig beraten wurden, heißt das nicht, dass man diese „reguläre Beratung“ 1:1 in die Welt von YouTube übersetzen kann. Tut man das, passiert nämlich Bibi.

„But that’s just how it is“

About the Author

Katharina Stoll
Katharina Stoll Katharina Stoll studierte Germanistik und English Studies an der Goethe-Universität Frankfurt. Während des Studiums sammelte sie mehrjährige PR-Erfahrung in der Spielwarenbranche und entdeckte die Welt der Kommunikation für sich. Seit 2015 unterstützt sie das Team von impact im Online- und Social-Media-Bereich.

Kommentar (1)

  1. Frank

    Guter Beitrag. Ich seh das genauso. Es war nicht die beste Entscheidung von BibisBeautyPalace den Song zu veröffentlichen. Sie hat 4 Tage in folge Abonnenten verloren und wurde mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Auch der Song Text wirft meiner Meinung nach Fragen auf und man könnte viel negatives in ihn rein interpretieren. Sie sollte lieber wieder ihre Schminktipps geben und Vlogs drehen.

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