3. März 2017 Kora Alice Lejko

Splitter im Auge?

Was rückt ein verrücktes Weltbild zurecht?

Wie Kay aus „Die Schneekönigin“: Wir halten vieles für schlecht, was tatsächlich gut ist und übertreiben bei Problemen. Gebannt von negativen Sensationen, vergessen wie die Normalität, treffen mit realitätsfremden Ängsten seltsame Entscheidungen – im Alltag und bei Wahlen. Brauchen wir, was sich per se ausschließt: Normalität in den Medien? Mehr Statistiken, mehr Alltagsberichte statt Sensationsmeldungen? Stinklangweilig? Eher faszinierend: „Die Welt in Zahlen“ von brand eins spielt seit Jahren mit der Kluft zwischen Erwartung und Realität. Der Leser ist erstaunt und top unterhalten. Und auf YouTube wirft sogar „Morgenroutine“ 145.000 Treffer aus – im Social Web feiert sich die Normalität ganz gut selbst.

„Süßigkeiten — Deutsche sind im Naschparadies und wissen es nicht.“ Dieser Welt-Titel von Anfang Februar beschreibt ein Detail im großen Bild, das uns ganz weltfremd unglücklich macht. Offenbar wissen wir wirklich nicht, wie gut es uns geht. Für die Studie „Perils of Perception“ hat das Marktforschungsinstitut ipsos Ende letzten Jahres die Deutschen nach ihrer Einschätzung gefragt, wie viele Menschen sich in Deutschland als glücklich bezeichnen. Auch hier zeigt sich die Negativerwartung: Im Durchschnitt meinten sie, nur 45 Prozent der Deutschen würden sich als glücklich bezeichnen. Aber 84 Prozent der Studienteilnehmer selbst hielten sich für glücklich.

Wenn uns nicht bewusst ist, dass Süßigkeiten in Deutschland günstiger sind als in jedem anderen Land Europas, wir trotzdem unzufrieden sind mit dem Preis und nach Aktionsrabatten gieren, dann verpassen wir eine fette Chance zur Freude. Auch wo es Probleme gibt – jeder Mord ist schließlich einer zu viel – konzentrieren wir uns so sehr auf das noch vorhandene negative, dass wir gar nicht merken, wenn es unterm Strich kleiner wird. Beispiel Kriminalitätsrate: Sie kann sinken wie sie will: Die gefühlte Kriminalitätstemperatur ist weltfremd überhitzt, stellt Kriminologe Christian Pfeiffer regelmäßig fest. Denn jede Zahl verblasst vor dem gefühlsintensiven Rummel um den einzelnen Mörder.

Viel Gefühl: Horror und Kitsch

Kriminalität mit den Faktoren Personalisierung, Emotionalität, Negativität und Außergewöhnlichkeit hat hohen Nachrichtenwert. Die drei Ks – Kriege, Krise, Katastrophen – plus Kriminelle und ihre Opfer sind insgesamt immer berichtenswert und bad news gute für Publizisten, weil sie unsere Aufmerksamkeit fesseln. Wir können oft garnicht anders. Gefahrenberichte aktivieren die uralten Reaktionsmuster selektiver Wahrnehmung, sagt die Evolutionspsychologie. Bedrohungsfreie Nachrichten kommen nicht mehr durch den Filter, weitere bedrohlich wirkende Informationen umso leichter – und manche Menschen stecken in dieser Wahrnehmungsspirale fest. Wer sich im Alltag schnell langweilt, findet in Horrornachrichten und Weltuntergangsszenarien sogar positives: endlich wieder intensiv und sich lebendig zu fühlen.

Andere fliehen vor den ewig schlechten Nachrichten zum positiven Journalismus: genauso starke Gefühle abseits der Normalität in facebook-typischen Stories mit Rettung, Helden und Hunden des Alltags, nah an Kitsch und Esoterik. Mit Journalismus als vierter Macht hat das nichts zu tun; die wichtigen, für die politische Meinungs- und Willensbildung der Gesellschaft relevante Nachrichten kommen nicht vor.

Normalität: die blasse Fläche im Weltbild

Beide Extreme des gefühlsbetonten Journalismus spülen die normale Realität aus den Hirnen. Der Kitsch fördert dabei oft wenigstens ein Gefühl der Selbstwirksamkeit im alltäglichen Kleinklein. Bei den großen Themen wirkt vor allem Negatives auf uns ein. Entsprechend zeigt der aktuelle Millennial Survey von Deloitte, dass deutsche Millennials verunsichert sind. 42 Prozent von ihnen sehen die größte Gefahr in Terroranschlägen, jeweils 29 Prozent in Kriegen und Flucht bzw. Immigration.

DAS sensationelle Negativ-Thema, der islamistische Terrorismus, ist mit vielen Fehlwahrnehmungen verknüpft und Drumpf nicht der erste, der sich die Unterscheidung zwischen „islamistisch“ und „muslimisch bzw. islamisch“ einfach schenkt. Hagen Rether hat es vor ein paar Jahren mit einer Gegenüberstellung der Zahlen auf den Punkt gebracht: „Angst vor dem Islam… Letztes Jahr sind 70.000 Deutsche an Alkohol krepiert – haben Sie Angst vor Riesling?“

Für viele Menschen weltweit sind Terror, Krieg und Flucht das, was sie täglich erleben. Für uns spiegelt es eher die Medienrealität als unsere Normalität. Konstruktiver Journalismus, der die großen, gesellschaftlich relevanten Themen in ihrer Komplexität ausbreitet – mit Ursachen und Hintergründen –, zukunfts-, lösungs- und faktenorientiert ist, hilft, die Wahrnehmung von Gefahren feiner zu justieren: Z.B., dass für uns in Bezug auf Terror, Krieg und Immigration einiges an Gefahr in Abgrenzung und gesellschaftlicher Ausgrenzung von Immigranten liegt.

Grundannahme: Ich bin ich außergewöhnlich

Bei anderen Themen könnten wir Deutschen als Gesellschaft schon glücklicher sein, wenn wir unserer eigenen Alltagswahrnehmung mehr vertrauten und uns für so normal hielten, wie wir es meistens sind. Dazu noch eine Uraltzahl (Negativpunkt bei Statistiken: Es gibt immer zu wenig aktuelle) vom Institut für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2009: Nur 20 Prozent der Deutschen meinten, der Familienzusammenhalt in Deutschland sei stark, aber 82 Prozent gaben das für ihre eigene Familie an. Martin Spiewak kam in der ZEIT-Serie „Vorsicht, gute Nachrichten!“ von 2013 in „Familien: Bitte schön spießig“ zu einem positiven Bild der aktuellen Familienrealität – allerdings auch hier mit verdrehter Wahrnehmung: „Es gibt in Deutschland viele Familien, die sich eigentlich wenig Sorgen machen müssten, und noch relativ wenige Familien, die sich sehr viele Sorgen machen müssten. Die Crux ist, dass das Problembewusstsein umgekehrt verteilt ist.“

Unser verqueres Gesellschaftsbild könnte auch eine Erklärung sein für eine (höchstens leicht angestaubte) Gegenüberstellung aus „Die Welt in Zahlen“ von brand eins:

Rang Deutschlands auf dem Human Development Index im Jahr 2012   5
Rang Mexikos auf dem Human Development Index im Jahr 2012 61
Lebenszufriedenheit der Deutschen auf einer Skala von 0 bis 10 6,7
Lebenszufriedenheit der Mexikaner auf einer Skala von 0 bis 10 7,3

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Kora Alice Lejko
Kora Alice Lejko Kora Alice Lejko hat in Göttingen und Mainz Mittlere und Neuere Geschichte, Religionswissenschaft und Publizistik studiert. Nach Praktika in der PR, im Fernseh- und Online-Journalismus und einem PR-Volontariat ist sie bei impact Beraterin im Food-Team.

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