6. Dezember 2016 Beate Tomczak

Gläsern bei Facebook: Zeig mir deine Likes und ich sag dir, wer du bist

Ein Selbstexperiment im Dienste der Wissenschaft
csm_facebook-zeitungsanzeige_31102016_e82fee2683

Facebook-Kampagne 2016

„Ich habe mal etwas gepostet, was ich nie, nie, nie hätte teilen sollen.“ Mit der aktuellen Kampagne will Facebook uns zeigen, wie gut wir unsere Daten schützen können – oder sich zumindest als Medium positionieren, das sich um unser Wohl sorgt und darum, dass wir Fremden zu viel von uns preisgeben. Keine monetarisierende Datenkrake also, sondern die besorgte Mutterfigur, die uns beteuert: Keine Sorge, wir kriegen das schon hin!
Doch wie viel Macht haben wir tatsächlich über unsere Daten – über die digitalen Fußspuren, die wir in Big Data hinterlassen? Können wir bewusst entscheiden, was Facebook über uns weiß und was nicht? Können wir etwas dagegen tun, absolut gläsern zu werden? Es folgt ein Selbstexperiment mit für mich überraschendem Ausgang!

Per Facebook-Scan innerhalb von Sekunden Persönlichkeitsprofil erhalten

Warum hat Trump die Wahl gewonnen? Immer häufiger lese ich in den letzten Tagen, dass Facebook schuld ist. Oder die Daten, die Facebook über uns gesammelt hat und die uns zum perfekten Opfer gezielter Kampagnen (eben auch Wahlkampagnen) machen. Ob wir unser Mittagessen fotografieren und mit unseren Freunden teilen, ob wir zu Beyoncés „Single Ladies“ abtanzen, zum zigsten Mal ein Cover von „Pen Pineapple Apple Pen“ schauen und ob wir den Post zu 1 Einhorn geliked haben – all das lässt Rückschlüsse darauf zu, wie wir ticken. Und von welchen Anzeigen wir uns beeinflussen lassen. So soll das Big-Data-Unternehmen Cambridge Atlantica für den Erfolg von Trump und der Brexit-Bewegung verantwortlich sein: Weil es je nach Nutzerprofil 175.000 Varianten der gleichen Aussage an die Facebook-User ausspielte und so jeden User optimal triggerte. Klingt ein bisschen nach Inception.
Der Ursprung dieser allwissenden Datenkrake soll beim Psychologen Michal Kosinski von der Cambridge University liegen. Dieser entwickelte ein Modell, das eine Person „anhand von zehn Facebook-Likes (…) besser einschätzen [kann] als ein Arbeitskollege. 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnis eines Freundes zu überbieten, 150 um die der Eltern, mit 300 Likes kann die Maschine das Verhalten einer Person eindeutiger vorhersagen als deren Partner.“

Wie geht das? Mit dem sogenannten Ocean-Fragebogen werden detaillierte Persönlichkeitsprofile erstellt. Die daraus resultierenden Ocean-Werte haben Kosinski und sein Team jahrelang mit den Daten von Facebook abgeglichen. So tauchten Korrelationen aus Persönlichkeitsprofilen und bestimmten Likes auf. Am Ende bedeutet das: Zeig mir deine Likes und ich sag dir, wer du bist.
Beide Tests kann jeder von uns online durchführen: Den fragenbasierten Online-Test sowie den Facebook-Scan. Im Dienste der Wissenschaft habe ich meine Daten in einem Selbstexperiment für beide Tests zur Verfügung gestellt. Mit der Erwartung, dass der Scan meines Facebook-Profils das gleiche ergibt wie der Ocean-Test.

39691768

Mein Ich in sechs Absätzen

Zuerst habe ich mir die Fragen des Ocean-Tests vorgenommen: Sind Sie eher schnell aus der Ruhe zu bringen? Planen Sie vor? … Nach fünf Minuten spuckt mir www.discovermyprofile.com sechs Textabsätze aus, die so zutreffend mein Innerstes nach außen kehren, dass ich das Bedürfnis habe, nach einer großen Taschentuchpackung zu greifen und einem Mitmenschen mein Herz auszuschütten.

Nach einer kurzen Beruhigungsphase dann der Klick auf den Button, der www.applymagicsauce.com erlaubt, all meine Facebook-Likes zu analysieren. Gläsern in 3, 2, 1, go! Das Ergebnis ist innerhalb von Sekunden da: Anhand meiner Likes für Eminem, My Chemical Romance, Oreos und Beyoncé trifft das Tool unter anderem folgende Aussagen über mich: Ich bin männlich, politisch konservativ eingestellt und möglicherweise Mormon. Es wäre zutreffender gewesen, hätte mich das Tool als ein auf einem Regenbogen lebendes Einhorn klassifiziert.

Entweder haben also die Aussagen von Kosinski und Cambridge Atlantica wenig Bestand oder sie führen nur in meinem Fall in eine Sackgasse. Für mich persönlich bedeuten die Testergebnisse, dass Facebook zumindest über mich gar nichts weiß: Eben außer, dass man mich mit Oreos ködern kann und ich sehnsüchtig auf die Reunion von My Chemical Romance warte.

Wer keine Angst um seine Privatsphäre hat, kann auch seine Daten durch beide Tests jagen und so herausfinden, wie gläsern er ist. Was weiß Facebook über dich?

Quelle: https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/

Getagged mit , , , , , ,

About the Author

Beate Tomczak
Beate Tomczak Beate Tomczak studierte Political and Social Sciences an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und schloss ihre akademische Ausbildung mit dem Masterabschluss ab. Nach einigen Praktika im Medien- und Kommunikationsbereich wechselte sie zur impact Agentur für Kommunikation GmbH, wo sie das Team unter anderem im Bereich Social Media unterstützt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.