8. Juli 2016 Stefan Watzinger

Kreativität – die richtige Balance aus Konstruktion und Destruktivität

Oder: Auf der Suche nach dem Geistesblitz

neuronales-netzwerkVor dem Hintergrund der ständigen Reizüberflutung gewinnt die Kreativität zunehmend an Bedeutung. Relevanz ist der zentrale Erfolgsfaktor. Und damit auch Kreativität. Denn am Ende sind es kreative Ideen, die aus der Kackophonie an Clips, Bildern, Texten etc. herausstechen. Bei allen Diskussionen, welche Rahmenbedingungen Kreativität begünstigen, stellt sich die Frage: Was ist Kreativität eigentlich? Jetzt mal so ganz wissenschaftlich betrachtet?

Dr. Viktor Frankl, ein österreichischer Neurologe, hat einmal gesagt:

Ein kreativer Mensch ist primitiver und kultivierter, destruktiver und konstruktiver, sehr viel verrückter und sehr viel vernünftiger als der Durchschnittsmensch.

und ordnet Kreativitäts-Forschung damit irgendwo zwischen Neuro- und Verhaltensbiologie und Psychologie ein. Und das durchaus mit Recht – denn wenn man „Kreativität“ betrachtet kommen ganz unterschiedliche Wissenschaftszweige zusammen.  

Am Anfang steht das Hirn

brainIn den vergangenen 100.000 Jahren hat sich mit dem menschlichen Gehirn ein hochkomplexes Organ entwickelt, das es uns ermöglicht, Informationen zu speichern, die Außen- und Innenwelt wahrzunehmen sowie strukturiert zu denken und zu handeln. Doch was muss im Kopf passieren, damit so etwas wie Kreativität entsteht? Zunächst einmal das, was sowieso geschieht: Nervenzellen kommunizieren miteinander über eine Vielzahl von Verbindungen mit anderen Neuronen, die sich ständig verändern. Spannend wird’s, wenn das Gehirn im Chaos von ungeordneten Erregungen und Wahrnehmungen kohärente Strukturen ausbildet – und diese auch wieder auflöst. Im ständigen Wechselspiel zwischen Synchronisierung und Desynchronisierung neuronaler Aktivitäten, das einem Kohärenzprinzip zu unterliegen scheint, liegt auch die Ursache für einen „Geistesblitz“ oder für das Heranreifen einer kreativen Idee. Denn intellektuelle Ergebnisse entstehen, wenn verschiedene Informationen im Gehirn eine neue, konvergente und kohärente Form erhalten. Aus dem Chaos oder gar durch die Auflösung von neuronalen Verbindungen entsteht eine Art Ordnung, die einer eigenen Logik folgt.

Links wie rechts – die Vernetzung schafft Kreativität

Aus den neurobiologischen Zusammenhängen ergibt sich, dass man das Entstehen von Geistesblitzen gezielt fördern kann. Am Ende geht es darum, das lineare Denken abzustellen. Kreativitätstechniken zielen genau darauf ab. Dabei gilt es auch, die rechte Gehirnhälfte einzusetzen. Denn anders als die linke, „digitale“ Gehirnhälfte , die für Logik und Sprache zuständig ist wird die rechte Hemisphäre im Alltag oft vernachlässigt. Als Resultat verkümmert die Hirnhälfte, in der etwa Gefühle, Intuition und Kreativität verortet sind. Um Kreativität zu wecken, müssen links und rechts gemeinsam agieren. Dies ist sogar messbar: Bei Menschen, die in kreativen Berufen tätig sind – und damit ständig Signaltransfer zwischen linker und rechter Hirnhälfte haben – ist das Bindeglied der Gehirnhälften (Corpus callosum) stärker aktiviert ist als bei Menschen, die in Jobs tätig sind, in denen Kreativität im schlimmsten Fall als sinnloser Zeitverlust gehandhabt wird.

creativityAber es gibt noch weitere Hirnareale, die für Kreativität wichtig sind: In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Probanden, die frei-assoziativen kognitiven Prozessen ihren spontanen Lauf ließen, eine wesentliche höhere Aktivität im assoziativen Kortex aufwiesen als eine Kontrollgruppe, der eine komplexe Aufgabe zur möglichst schnellen Lösung vorgesetzt wurde. Anders gesagt: Menschen, die ihren Gedanken freien Lauf lassen sind offener für kreative Prozesse als Personen, die nicht abschweifen und sich ausschließlich auf ihre Aufgabe konzentrieren. Für das Abschweifen gibt es inzwischen den wissenschaftlichen Begriff REST (Random Episodic Silent Thought), der den Zustand des ruhigen Nachsinnens beschreibt,  in dem die höchstentwickelten und komplexesten Hirnareale weitaus aktiver sind als beim fokussierten Lösen von fest umrissenen Aufgaben. Hier zeigt sich auch ein echtes Problem der Gegenwart: Bei einem dysfunktionalen Internet- und Mediengebrauch – z.B. exzessivem Surfen im Netz ohne Sinn und Zweck – und fehlenden Freiräumen zum Verarbeiten von Informationen und Gedanken nimmt Studien zufolge nicht nur die Kreativität sowie die Fähigkeit zum Erkennen und Kontrollieren von Emotionen ab. Vielmehr verkümmern zusätzlich Hirnareale im dorso-lateralen Teil des präfrontalen Kortex, die für kreative Problemlösung von entscheidender Bedeutung sind. Und das irreversibel.

Psychologische Zutaten von Kreativität 

Die Reduzierung von Kreativität auf Intelligenz ist allerdings deutlich zu kurz gesprungen. Vielmehr sind die Hauptingredienzien von Kreativität Intelligenz, Begabung, Wissen, Motivation, Persönlichkeit, Umgebung. Um nun erklären zu können, warum manche Menschen kreativer sind als andere, müssen also auch Aspekte aus der Psychologie herangezogen werden. Aus dem dynamischen Gleichgewicht von konvergentem und divergentem Denken, Konstruktion und Dekonstruktion von arriviertem Wissen kann dann am Ende Kreativität entstehen. Aber: Begabungen können sich nur entfalten, wenn sie auch über entsprechende Grundlagen verfügen. Ohne tiefgreifendes spezifisches Fachwissen geht gar nichts. Und: Interdisziplinäre Herangehensweisen, sprich die Zusammenarbeit mit Menschen anderer Arbeitsschwerpunkte und Ausbildung begünstigen das Entstehen kreativer Problemlösungen. Der kreative Funke kann am Ende nur das Vorhandene entzünden. Auch Musiker und Künstler können nur das neu kombinieren, was sie schon gesehen, gehört, erlebt – oder geübt haben. Dazu müssen sie allerdings über „handwerkliches“ Können verfügen. Am Ende geht es darum, Begabungen differenziert zu erkennen und ihre Ausgestaltung durch spezifische Verhaltensweisen zu fördern.

Das Streben nach Anerkennung

Ein letzter Aspekt von Kreativität betrifft des Feld der Sozial-, Kultur-, und Geisteswissenschaften. Denn die Umgebung, das Lebensumfeld und die Rahmenbedingungen spielen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von kreativen Köpfen. Über die Jahrhunderte haben der Drang nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, Vergegenständlichung und der Kampf um Anerkennung einen massiven Einfluss auf die Entwicklung des Menschen genommen. Studien zeigen, dass Anerkennung und Wertschätzung einen unmittelbaren Einfluss auch und insbesondere auf die Kreativität von Menschen haben. Betrachtet man dann aber die Lebenswelt in vielen kreativen Berufen, ergibt sich da allerdings ein krasser Widerspruch – ein Blick in die Lohnabrechnung eines Berufsmusikers oder auf das Konto eines Künstlers – so er noch nicht entdeckt ist – genügt.

Getagged mit

About the Author

Stefan Watzinger
Stefan Watzinger Stefan Watzinger studierte Biologie an der Universität Heidelberg und wagte nach seinem Diplom den Quereinstieg in die Bereiche Kommunikation und Marketing. Seit 2009 ist er als PR-Berater bei der impact Agentur für Kommunikation GmbH tätig. Als Senior-Berater leitet er dort die Bereiche Neugeschäft, Konzeption und Social Media.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.