31. März 2016 Robert Leonhardt

Die Bio-Gurken (-Problematik) in der Unternehmenskommunikation

Öko(un)logisch – warum es Unternehmen gibt, die lieber auf eine EU-Zertifizierung verzichten

Die Welt des Essens und Trinkens ist stetig in Bewegung. Zum einen werden Leckereien in Form von #Foodporn durch Social Media und Co. in Szene gesetzt, zum anderen wollen die Menschen wieder zurück zum Ursprung. Bio-Produkte, saisonales Obst und Gemüse, Essen aus der Region – die Verbraucher, allen voran die urbanen Trendsetter, wollen wieder zurück zu Produkten aus der Heimat und das nach Möglichkeit organic – also in Bio-Qualität.

Plastik satt: Bio-Gurken bei Rewe und anderen müssen EU-Richtlinien entsprechen

Plastik satt: Bio-Gurken bei Rewe und anderen müssen EU-Richtlinien entsprechen.

Auf Veränderungen dieser Art sollten Unternehmen vorbereitet sein – auch und vor allem kommunikativ – sonst kann man schnell den Zorn der Verbraucher und Medien auf sich ziehen. Was das bedeutet, lässt sich zum Beispiel gut an einem ZDF-Bericht aus dem Jahr 2013 über den Einsatz von Gen-Gemüse beim Schweizer Unternehmen Hipp erkennen. Mein Kollege Stefan Watzinger schrieb über den daraus entstandenen Shitstorm, der auch deswegen schlimmer wurde, weil das Unternehmen auf die Vorwürfe nicht angemessen reagierte. Auch wir bei impact sind durch unsere Kunden aus der Lebensmittelindustrie zunehmend mit kritischen Themen konfrontiert, bei denen man angemessen reagieren muss.

Die Bio-Gurke

Auf Anfragen gewappnet sein, sollten ebenfalls Unternehmen, die biologisch zertifizierte Produkte anbieten – zum Beispiel, wenn diese Bio-Gurken verkaufen: Das Gemüse wird nämlich, sofern der Produzent die von der Europäischen Union auferlegten Standards erfüllt, so gar nicht Bio-like, in Plastik verpackt. Das muss man sich mal vor Augen führen: Weltweit werden laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz ungefähr 200 bis 250 Millionen Tonnen Plastik produziert. Verpackungen machen davon etwa ein Drittel aus. Dies führt zu schweren Umweltproblemen – befeuert durch Verordnungen von Brüsseler Bürokraten, die eigentlich Natur und Umwelt schützen sollen.

Aufgrund von EU-Verordnungen ist es gesetzlich verpflichtend, dass auf dem Etikett jedes Bio-Produktes, die jeweilige Öko-Kontrollstelle, die das erzeugende bzw. verarbeitende Unternehmen auf Einhaltung der Vorgaben für biologische Landwirtschaft geprüft hat, drauf steht. Um Brüssels Regel-Wut ganz genau zu beschreiben: Die Artikel 23 bis 26 in der EU-Verordnung Nr. 834/2007 und Artikel 57 bis 62 in der EU-Verordnung Nr. 889/2008 geben die Regeln für die Kennzeichnung von Bio-Lebensmitteln vor. Durch eine klare Kennzeichnung der Öko-Produkte sollen Verwechslungen mit konventionellen Artikeln ausgeschlossen werden.

Der Handel und die Argumentationslinie von Rewe

Auf die gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichnung von nachhaltig produziertem Obst und Gemüse reagiert der Handel mit Plastikverpackungen. Alternativen wie Banderolen oder Aufkleber haben bis jetzt anscheinend nicht funktioniert.

Bio-Gurken und weitere Erzeugnisse werden von Rewe und anderen Lebensmitteleinzelhändlern deshalb mit einer Folie aus Kunststoff umhüllt vertrieben. Nur so hebe sich das Bio-Produkt von konventioneller Ware ab. Das Ziel: dem Kunden klar aufzuzeigen, was aus nachhaltigem und schonendem Anbau stammt (das Plastikgemüse) und welche Waren aus der herkömmlichen Landwirtschaft.

Quelle: www.rewe.de

Selbstverständlich ist es sinnvoll, dass sich Bio-Obst und -Gemüse von aus herkömmlicher Landwirtschaft gewonnenen Produkten abhebt. Die Argumentationslinie, dass man durch Plastikverpackungen Verwechslungen vorbeugen könne, ist jedoch einfach und absurd.

Eine Petition Plastikverpackungen bei Bio-Lebensmitteln auf ein Minimum zu reduzieren, wie zum Beispiel im letzten Jahr von Mitgliedern der Online-Plattform Utopia veranlasst, zeigt, dass die Verbraucher sehr kritisch sind. Immer häufiger lassen sie sich mit simplen Antworten nicht mehr billig abspeisen.

Neben Bittschriften an Behörden können die Verbraucher jedoch auch durch den eigenen Konsum schizophrenen bürokratischen Verordnungen entgegenstehen.  Dort, wo es ausschließlich Bioware gibt, wie zum Beispiel auf Bio-Wochenmärkten oder im Bio-Supermarkt, bedarf es nämlich keinem Plastikschutz. Die Verwechslung ist hier ausgeschlossen. Auch verstärkt saisonale Obst- und Gemüsesorten zu kaufen, die häufig in Bio-Qualität angeboten werden, obwohl diese nicht mit einem Bio-Zertifikat versehen sind, ist eine Möglichkeit.

Häufig ist es also diskussionswürdig auf Bio-Ware zu verzichten. Die Argumentationslinie von true fruits klingt in diesem Zusammenhang durchaus nachvollziehbar.

Quelle: www.true-fruits.com

Aufgrund verschiedener Sorten, teilweise mit exotischen Früchten, verwendet der Smoothie-Hersteller nicht nur heimatnahe und saisonale Zutaten. Gleich im Anschluss zu der Argumentation zum Thema Bio, gibt es aber auch dafür eine verständliche Erklärung, die nicht den Anschein erweckt: Bio ist gesund, egal zu welchem Preis.

Quelle: www.true-fruits.de

Auch ein impact-Kunde agiert ähnlich. Auf die Frage eines Kunden bei Facebook, warum das Unternehmen keine Produkte mit Bio-Gütesiegel anbietet, obwohl Verbraucher danach fragen, antworten die Social-Media-Beauftragten wir folgt:

Auch hier erkennt man sofort: Ein „Bio“-Siegel ist nicht zwingend notwendig. Qualität und eine schonende Herstellung kann auch dann erreicht werden, wenn man bestimmte Standards einhält. Nachvollziehbar für den Kunden sollte dies allerdings immer sein.

Fazit

Wie wichtig es ist, sich bei kritischen Themen glaubwürdig zu positionieren, zeigt das Beispiel der Bio-Produkte. Ein gesellschaftlicher Wertewandel sowie die zunehmende Fülle und schnellere Verbreitung von Informationen, zum Beispiel durch Social Media, machen es Unternehmen nicht leicht. Ein angemessenes Issue Management und damit verbunden die richtige Kommunikation sind deshalb sehr wichtig. Aus diesem Grund müssen sich professionelle Kommunikatoren ständig mit organisationsrelevanten Themen beschäftigen. In diesen Bereich zu investieren lohnt sich, denn: Unternehmen, die mit den Akteuren im eigenen Umfeld einen aufrichtigen Dialog etablieren, sind in Krisen weniger anfällig.

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