15. März 2016 Stefan Watzinger

Wie Politik und Medien „5 Jahre Fukushima“ für Meinungsmache missbrauchen

Oder: Stop it, hypocrites!

12805886_10205954287242893_8565686673135397007_nBeginnen wir mit den Fakten: Am 11. März 2011 kam es vor der Ostküste Japans zu einem schweren Seebeben der Stärke 9,0. dieses Beben löste einen Tsunami aus, der einen Teil der Sanriku-Küste verwüstete und 19.418 Menschen in den Tod riss. 2.592 Menschen gelten bis heute als vermisst. Über 120.000 Häuser wurden zerstört.

Der Tsunami überrollte auch Teile des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi, bei dem es bereits in direkter Folge des Erdbebens zu Stromausfällen gekommen war. An den folgenden fünf Tagen kam es dann zu einer Serie von Unfällen sowie zur Kernschmelze. Alle Störfälle zusammen wurden am 12. April 2011 durch die japanische Atomaufsichtsbehörde der INES-Stufe 7 zugeorndet, dies entspricht einem „Größten anzunehmenden Unfall“ (GAU). Durch die Explosionen in und um die Reaktorblöcke gab es keine Todesopfer. Heißt: Es gab de facto keine Atom-Toten!

Zum fünften Mal hat sich das Tohoku-Beben am Freitag gejährt – und wie bereits in den vergangenen Jahren haben Medien und Politik offenbar immer noch nicht verstanden, was 2011 in Japan passiert ist. Oder – und das ist vermutlich der wahrscheinlichere Grund: Medien und Politik sind sich nicht zu schade, fünf Jahre Fukushima für perfide Meinungsmache zu missbrauchen. 

Beginnen wir mal mit einen Facebook-Post der Bundesregierung:

Post von @Bundesregierung auf Facebook

Post von @Bundesregierung auf Facebook

Hier könnte man – wohlwollend – noch von einer Text-Bildschere und einer ungenauen Formulierung reden. Dennoch suggerieren Text und Bild sehr wohl, dass in Folge des Fukushima-Gaus 18.000 Menschen sterben mussten. Das Bild zeigt übrigens laut Getty Images „People float candle-lit lanterns to the river in commemoration for the victims of the Great East Japan Earthquake and following tsunami on August 11, 2011 in Minamisoma, Fukushima, Japan.“ – das Foto ist also in Minamisoma aufgenommen, 30 km nördlich vom Kernkraftwerk.

Sukzessive zogen im Laufe des Tages weitere Politiker, politische Institutionen und Medien nach. Aus einer faktischen Unschärfe wurde immer mehr eine Verdrehung der Tatsachen. Ein Beispiel ist folgender Artikel auf SWR2:

SWR2 - Fünf Jahre nach Atomkatastrophe

SWR2 – Fünf Jahre nach Atomkatastrophe

Bemerkenswert, wie sich der inhaltliche Fokus von Erdbeben und Tsunami entfernt und auf Kernschmelze und Gau „eingedampft“ wird. Aus dem Tohoku-Erdbeben wird die „Katastrophe von Fukushima“. Wie wenig zutreffend dies ist, zeigt auch folgende Grafik:

Near Field Effects des Tohoku-Bebens - Quelle: NOAA

Near Field Effects des Tohoku-Bebens – Quelle: NOAA

Die Präfektur Fukushima liegt ganz im Süden der betroffenen Küstenregion – viel schlimmer wütete der Tsunami in den Präfekturen Miyagi und Iwate.

Auch das Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit lässt sich nicht lumpen und veröffentlicht auf Twitter ein animiertes GIF, das den explodierenden Reaktorblock 3 zeigt:

BMUB auf Twitter zu Fukushima

BMUB auf Twitter zu Fukushima

Das gewählte Visual zeigt aber nicht den Tsunami, der ganze Ortschaften verwüstet und auch nicht die trauernden Angehörigen – sondern ausschließlich den Störfall. „Wir gedenken heute der vielen Opfer“ suggeriert erneut, dass es Tote durch den GAU gab – oder dass der GAU Ursache für die Katastrophe war.

Die drei gezeigten Beispiele sind nur ein Teil der Artikel, die am 11. März 2016 so veröffentlicht wurden. Ja, es gab eine Erdbebenkatastrophe. Und ja, Fukushima war ein Super-GAU. Aber nein, Fukushima war kein zweites Tschernobyl und nein, Japan ist nicht für Generationen unbewohnbar. Was bleibt ist ein Appell und Politik bei aller Tragik der Katastrophe und bei aller Betroffenheit bei der Wahrheit und bei den Fakten zu bleiben!

1. Klares Wording

In Japan selbst redet man von der Tohoku-Erdbebenkatastrophe oder vom „Großen Ost-Japanischen Beben“ – und nicht von der „Katastrophe von Fukushima“. Sämtliche Trauer- und Gedenkfeiern liefen in Japan unter diesem Wording. Natürlich wurde dabei auch immer an den GAU im Kernkraftwerk Fukushima erinnert, dies aber dann im Kontext der Versäumnisse der Tepco und der nicht vorhersehbaren Dimension des Tsunamis. In der Breite ist die japanische Bevölkerung übrigens nach wie vor der Ansicht, auf Kernenergie angewiesen zu sein – und sich auch über die Risiken im klaren. Aber man geht eben ganz realistisch davon aus, dass Tohoku eine Jahrhundert- oder gar Jahrtausend-Katastrophe war. Und dass ein sofortiger Atomausstieg nicht möglich ist.

2. Fukushima ist nicht Tschernobyl

Bei der Katastrophe von Fukushima ist genau 1/5 der Strahlung ausgetreten wie damals in Tschernobyl. 80% davon haben sich vor der Küste verteilt, nur 20% auf Land in der unmittelbaren Nähe des Kraftwerks. Und anders als in Tschernobyl wurden die 156.000 unmittelbar betroffenen Bewohner bereits vor den Explosionen evakuiert. Inzwischen schreitet der Wiederaufbau der am stärksten betroffene Region sukzessive voran. Einwohner und auch die Landwirtschaft kehren zurück. Das Sperrgebiet selbst wurde nach und nach verkleinert, reicht aber nach wie vor bis ins etwa 50 Kilometer nord-westlich gelegene Iiate. Reinigungsteams arbeiten daran, die ganze Region von langlebigen Stoffen wie radioaktivem Cäsium zu befreien.

3. Strahlenbelastung

Anders als suggeriert ist die Strahlenbelastung im Meer deutlich niedriger als erwartet – und: Eine Gesundheitsgefährdung z.B. durch den Verzehr von Fisch aus dem Pazifik ist ausgeschlossen, da radioaktives Cäsium von Fischen nicht angereichert sondern ausgeschieden wird. Andere Quellen bestätigen dies – Beim Verzehr von Thunfisch aus der Küstenregion vor Fukushima läge eine Strahlungsdosis von rund 6 Becquerel pro Kilogramm vor – dies läge sogar unter der Strahlungsdosis, die Menschen aus anderen natürlichen Quellen treffe.

4. Krebsrisiko

Für die Todesopfer in Folge einer durch die erhöhte Strahlenbelastung gewachsene Anzahl an Krebserkrankungen reichen in Tschernobyl Schätzungen von mehr als 1,7 Millionen. Dass es ein erhöhtes Krebsrisiko bei erhöhter Strahlung gibt, ist bekannt. Japanische Wissenschaftler sind in Hinblick auf solche Schätzungen Vorreiter – immerhin ist Japan das Land von Hiroshima und Nagasaki. Bei einer erhöhten Strahlenbelastung von 100 Millisivert taucht etwa ein zusätzlicher Krebsfall unter 100 Menschen in der Gesamtbevölkerung auf. Allerdings ist für Industrienationen davon auszugehen, dass 40 dieser 100 Menschen in ihrem Leben ohnehin an einem Tumor erkranken würden. Eine statistische Signifikanz ist also für die in Fukushima kurzzeitg freigewordene Strahlendosis nicht vorhanden. Dass es in den Folgejahren dennoch eine erhöhte Zahl von operationsbedürftigen Knoten und Tumoren bei 370.000 per Ultraschall untersuchten Kindern und Jugendlichen gab, ist sicherlich bedenklich. Die Wissenschaftler der entsprechenden Studie äußern jedoch den Verdacht, dass die Hohe Fallzahl auch daraus resultiert, dass noch nie so viele Ultraschall-Untersuchungen in so kurzer Zeit durchgeführt wurden.

5. Psychische Folgen

Viel schwerer als die physischen Erkrankungen wiegt in Japan der Schock nach dem Beben. Studien besagen, dass unter den aus der Region um das Fukushima-Kraftwerk evakuierten Menschen fünf Mal so viele und Depressionen und Angststörungen leiden wie im Rest des Landes. Doch auch die grundsätzliche Sorge, dass das „Große Kanto-Beben“ in der Region Tokyo, Yokohama und Kawasaki statistisch überfällig ist, hat sich im Zuge der Tohoku-Katastrophe deutlich intensiviert.

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About the Author

Stefan Watzinger
Stefan Watzinger Stefan Watzinger studierte Biologie an der Universität Heidelberg und wagte nach seinem Diplom den Quereinstieg in die Bereiche Kommunikation und Marketing. Seit 2009 ist er als PR-Berater bei der impact Agentur für Kommunikation GmbH tätig. Als Senior-Berater leitet er dort die Bereiche Neugeschäft, Konzeption und Social Media.

Kommentare (2)

  1. Nanette Lohmann

    Soso, und in wessen Interessen arbeitet der Autor dieses Artikels? Bereits die Aufmachung der Seite spricht für seelenloses Business-Kaspertum. Es gibt bereits viele Hinweise darauf, dass es sich um einen weiteren Großversuch handelt, was bei Fallout zu erwarten ist. Genauso hört sich der Artikel auch an. Statistische Erbsenzählerei, wieviele Tumoren wann und wo zu erwarten sind. Natürlich ideal für ein Land, dass ja dem Autor zufolge Atomkatastrophen großen Stils gewohnt ist. Eine solche Sichtweise lässt tief blicken. Ich ordne sie in der Kategorie „Banalität des Bösen“ ein, in Anlehnung an Hannah Arendts berühmtes Buch, dessen Lektüre ich Herrn Watzinger dringend empfehlen möchte.

    • Stefan Watzinger
      Stefan Watzinger

      Liebe Frau Lohmann,

      besten Dank für Ihren Kommentar. Ich kann allerdings nicht wirklich nachvollziehen, wo auf unserer Seite Sie ein „seelenloses Business-Kaspertum“ entdecken. Gleiches gilt für die „statistische Erbsenzählerei“.

      In wieweit „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ nun mit meinem Anliegen zusammenhängt, seriöse und gut recherchierte Berichterstattung vor polemische und tendenziöse Meinungsmache zu stellen, bleibt dann vermutlich auch Ihr Geheimnis.

      Viele Grüße
      Stefan Watzinger

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