24. Juli 2015 Astrid Skrypzak

Ein Plädoyer für mehr sprachliche Varianz und Kopfkino in PR-Texten

Wenn Information-Overkill auf Goethe trifft – oder so Ähnlich

KopfkinoGerade in Kommunikationsberufen sind wir darauf getrimmt, ständig das Tages- und Branchengeschehen im Auge zu behalten. Also lesen – nein, scannen wir Fachartikel, Tageszeitungsberichte, Online-Nachrichtendienste, OTS-Meldungen auf der Suche nach Themen, die für unsere Kunden/Zielgruppen relevant sind oder werden könnten. Viel Interessantes ist meist nicht dabei.

Vor Kurzem bin ich dann einmal wieder dazu gekommen, mit Muße ein Buch zu lesen. Kein Sachbuch, Fachmagazin oder Pressemeldung, sondern ein Buch eines jungen Autoren mit „poetischer Kraft“, so die Rezension auf der Rückseite: Julian Heun, Strawberry Fields Berlin. Zugegeben, manche Passagen waren etwas drüber, zu gewollt metaphorisch. Aber es hat mir wieder bewusst gemacht, wie viel Kraft Sprache haben kann, wie vielseitig sie ist und wie wunderbar man damit Bilder erzeugen kann und darum geht es schließlich im Youtube Zeitalter. Auch, oder eben weil sie jeder im Kopf bildet, sind sie so eindrucksvoll. Man bekommt sie nicht vorgekaut, sondern kreiert sie selbst. Wird zum Regisseur seines eigenen Kopfkinos.

Das krasse Gegenteil dazu sind oft Pressemeldungen von PR-Schaffenden oder Berichte aus Kommunikationsabteilungen. Mit ihnen kann man höchstens Bullshit-Bingo spielen. Denn garantiert fallen hier mehrfach Wörter wie Service, Support, proaktiv, zukunftsorientiert, zeitnah, unzählige Hauptwörter auf -ung, Passivkonstruktionen, die jah nicht verraten, wer da gerade etwas getan hat oder vorhat zu tun. „Die Entwicklung wird vorangetrieben.“ – Ja von wem denn und wohin? Ach ja: und was eigentlich? Konkrete Beispiele findet der Leser selten. Das macht die Texte auch so wenig relevant. Sie sind in vielen Fällen austauschbar. Ich vermute, sogar zwischen verschiedenen Branchen.

Neulich fuhr ein Lieferwagen an mir vorbei. Darauf stand: „Service und Support“. Ob der Firmeninhaber damit neue Klienten fängt? „Guten Tag, Sie bieten doch Service und Support an, ich bräuchte da einen neuen Hausmeisterdienst für unser Büro“, …„- Äh, Entschuldigung, wir sind ein IT-Unternehmen“ – so bewegt sich jeder in seiner Welt. Die anderen werden schon wissen, was gemeint ist. Klingt außerdem cooler und sagen ja alle so.

Bilder, mehr sprachliche Varianz, anschauliche Beschreibungen und konkrete Beispiele täten den meisten Texten  wirklich gut. Einmal darüber nachdenken: Was will ich eigentlich sagen? Welche Information möchte ich verkaufen? Aber das ist natürlich anstrengender, als immer die gleichen Formulierungen zu bemühen. Klar ist: Pressemeldungen sollen und können keine Prosastücke sein – darum geht es nicht. Aber sie können Dinge und Sachverhalte so beschreiben, dass die Leser am Ende wissen, worum es geht. Denn dann wird etwas, das vorher nur mit „Support“ beschrieben wurde, vielleicht erst relevant. Weil man sich wörtlich „ein Bild davon machen“ kann.

Ein Weg dahin ist, sich selbst mehr mit guten Texten und ihrer Wirkung zu beschäftigen. Aus der eigenen Ecke herauszukommen, neugierig zu sein für andere Formen. Floskeln und immer wieder gleiche Formulierungen vermeiden, denn in den meisten Fällen haben sie ohnehin den Informationsgehalt einer Seifenblase – wobei – die schimmert immerhin bunt. Also: Anstatt sich immer nur mit farblosen Pressetexten zu befassen und alles, was man liest nur durchzuscannen, auch immer wieder ein Buch in die Hand nehmen, es bewusst wahrnehmen und sich fragen: Wie macht der das bloß, dass ich nicht aufhören kann zu lesen? Oder sich beim Texten mal kritisch und vielleicht selbstironisch zu fragen: Löst das jetzt bei irgendjemandem Kopfkino aus?

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